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Schule und Autismus – ein Elternbericht:

Nach vielen ungeheuerlichen und traumatisierenden „Missverständnissen" (man könnte auch von Mobbing und einem krassen Kompetenzmangel an der Schule reden) im gemeinsamen Unterricht hat mein Sohn die Pflichtschule positiv im Heimunterricht absolviert.

In einem Projekt der Heilpädagogischen Familien wurden meinem Kind Unterrichtsstunden daheim zur Verfügung gestellt. Den restlichen Unterricht hab ich als Mutter abgehalten, was viel Freizeit brauchte, aber am Ende zum positiven Schulabschluss geführt hat.

Nun möchte mein Kind die Matura machen und anschließend studieren. Mit seiner Begabung wird dies möglich sein! Wir haben auch ein tolles Gymnasium gefunden, das uns unterstützt und mein Kind als „Externisten" aufgenommen hat. Das klingt toll und freut uns!

Aber ich selbst hab keine Matura, kann kein Latein und bin berufstätig. Ich müsste wohl mein Kind/ meinen Jugendlichen einer hochgebildeten und engagierte Akademikerfamilie zur Adoption freigeben – anders scheint höhere Bildung für Autisten in Normalfamilien nicht möglich sein.
Die Aussage ist vielleicht provokant, aber ich erkläre Ihnen gern unsere Situation:
Ordentliche GymnasiastInnen erhalten im aktuellen Schuljahr 31 Unterrichtsstunden (inkl. 2 Turnstunden).
Mein Kind erhält wöchentlich 8 Unterrichtsstunden im Heimunterricht, in denen er das gleiche Lernen soll, wie alle anderen Kinder in 29 Stunden.

Der restliche Unterricht liegt bei mir als Mutter. Ich muss zuerst selbst mal lernen, damit was weiterzugeben habe. Und dann kann ich selbst „unterrichten" und das weitergeben, was ich in der Nacht gelesen habe... Wir verbringen unsere Wochenenden ebenso mit Schulthemen wie alle Nachmittage und jede Minute, in der ich daheim sein kann.
Als Mutter möchte ich zwar den (Bildungs-)Wunsch meines Kindes erfüllen, aber seit Anfang dieses Schuljahres haben wir beide keine Freizeit, kein normales Familienleben, keine Zeit für Lockerheit und Genuss... Ich bin als nachlernende Schülerin und als Lehrerin gefordert, aber ich kann nicht mehr Mutter sein.

Für eine situationsgerechte, sanfte Rückführung in den Schulbetrieb ist ohnehin leider niemand ansprechbar. Entweder ich nehme mir für jeden Tag "Schule" Urlaub, oder wir verzichten auf Unterrichtsstunden, damit statt dessen ein sozialer Kontakt an der Schule stattfinden kann...

Das tut mir weh und ich fürchte, dass ich als Lehrerin scheitern werde und mein Kind dann ebenso scheitern muss, weil die Diskrepanz zwischen 31 Schulstunden (für die ordentlichen Schülerinnen) und 8 Unterrichtsstunden (für mein Kind) für eine Mutter ohne entsprechendes Studium - die nebenher auch noch für das Familienkommen zuständig ist - nicht zu bewältigen ist.
Ich wäre gerne eine unbelastete und liebende Mutter, die ihr Kind am Weg zur Matura unterstützt. Aber ich bin keine Gymnasiallehrerin für alle Schulfächer. Da erwartet die Politik sehr viel von mir – viel zu viel!  So viel zur Bildungsgerechtigkeit für Kinder und Jugendliche mit Asperger Autismus. Danke fürs Lesen!

 

 

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